Wiebke Uhlenbroock schrieb am 21. April 2010 zuEvents, People

re:publica 2010: US-Blogger Jeff Jarvis über Privatsphäre, Öffentlichkeit und … Genitalien

Im Rahmen der re:publica 2010, die vergangene Woche in Berlin stattfand und über 2000 begeisterte Blogger und Social Media-Interessierte in die Hauptstadt lockte, hat mich ein Vortrag besonders fasziniert.

Unter dem vielversprechenden Titel ‘The German Paradox: Privacy, Publicness and Penises’ referierte US-Blogger und Journalist Jeff Jarvis (Autor von ‘What Would Google Do?’) über Privatsphäre und Öffentlichkeit im Internet und das berühmte ‘Messen mit zweierlei Maß’.

Leidenschaftlich erklärte Jarvis, dass er durchaus eine gewisse Ironie in der Tatsache sieht, dass wir Deutschen zwar international dafür bekannt sind, wenig Hemmungen haben, uns in Saunen und an Stränden splitterfasernackt der Öffentlichkeit zu präsentieren, auf der anderen Seite viele fast penibel paranoid den Verlust von Privatsphäre in sozialen Netzwerken und Tools wie ‘Google Streetview’ befürchten. Jarvis selbst sieht einen ungeheuren Nutzen im Öffentlichmachen von Wissen und Informationen, betonte aber auch die Tatsache, dass der User durchaus in der Lage sein muss, den von ihm publizierten Content zu kontrollieren um nicht im Netz der unbegrenzten Möglichkeiten die Kontrolle über seine Identitäten (online wie auch offline) zu verlieren.

Da schließt sich die Frage an: Was sollte in sozialen Netzwerken eigentlich privat bleiben bzw. wie öffentlich sind Freundesfreunde? Denn: Während bei Weitem nicht alles, was via Facebook & Co kommuniziert wird die Öffentlichkeit tangiert bzw. für jegwege virtuelle Ohren bestimmt ist, gibt es durchaus auch sensible Themen, die auf den ersten Blick privat scheinen, jedoch bei öffentlicher Thematisierung vielen Menschen helfen und langfristig sogar Leben retten können. Jeff Jarvis sprach dabei seine eigene Prostata-Krebserkrankung an, die er bewusst in allen Einzelheiten in seinem Blog thematisiert hatte, um ebenfalls Betroffenen Mut zu machen und für das Thema Krebsvorsorge zu sensibilisieren.

Das Thema lies mich nicht los und während ich mich auf der Bahnfahrt am kommenden Tag mit einem bis dato mir unbekannten Unternehmensberater in leitender Funktion darüber unterhielt, klärte dieser mich auf, dass es bei Vorstellungsgesprächen durchaus Gang und Gebe ist, die Profile der potentiellen neuen Mitarbeiter genau unter die Lupe zu nehmen. “Das gehört schließlich zu meinen Hausaufgaben und hilft mir, vorab eine Einschätzung der Bewerber zu bekommen”, so der Manager.

Eine eindeutige Antwort auf die Frage, wie das ‘German Paradox’ in Zukunft behandelt werden sollte, konnte und wollte Jeff Jarvis mit seinem Vortrag nicht geben, sondern das gebannte Publikum vielmehr zum Nachdenken über eigene Erwartungen und das eigene Networking-Verhalten anregen und dem derzeitigen Privatsphäre-Hype mit der provokanten Gegenfrage entgegenzutreten: Welchen Wert hat Öffentlichkeit für uns?.

So sollte man sich durchaus der Tatsache bewusst sein, dass das Öffentlichmachen von Informationen oftmals zu stärkerer sozialer Interaktion, anregenden Diskussionen über den sprichwörtlichen Tellerrand bzw. die eigene Freundesliste hinaus und so zu interessanten Kontakten führen kann, auf der anderen Seite aber auch unangenehme Fragen im Vorstellungsgespräch wie z.B. ‘Wie war denn die Party letzten Samstag, Herr Müller?’ zur Folge haben könnte. Also: Was tun? Jarvis’ Argumentation folgend müsste die Antwort lauten: Öffentlich kommunizieren und dabei die Kontrolle behalten. Soll heißen: Selbstbewusst die eigene Meinung vertreten, kritisch hinterfragen und öfter mal den Mut haben, Privates öffentlich zu machen.

Schließlich beendete der rhetorisch brilliante Amerikaner seine Präsentation mit einer Einladung, ihm in der Sauna des Hotels Gesellschaft zu leisten und kam dabei mit einem Augenzwinkern auf seine eingangs formulierte provokante Frage zurück: “You have a dick. I have a dick. What’s the big deal?”.

3 Kommentare zu „re:publica 2010: US-Blogger Jeff Jarvis über Privatsphäre, Öffentlichkeit und … Genitalien“

  1. Gerade vorhin noch bei Facebook im re:publica Profil/Feed gesehen. Das dazu passende Video mit Jeff Jarvis ist online:



    Ebenso ist die Visualisierung von Anna Lena Schiller zum Vortrag von Jarvis bei flickr zu finden: Visualisierung Jeff Jarvis bei der re:publica 2010 von Anna Lena Schiller

  2. Caspar sagt:

    Toller Vortrag! Hat mich sehr erheitert und tatsächlich zum Nachdenken angeregt (auch ohne anschließenden Saunabesuch)

  3. Sat Anlage sagt:

    Danke sehr an den Autor.

    Gruss Nanna

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